ÜBER UNS

Wir, zwei gute Freunde, erkrankten kurz nacheinander an Krebs. Die Krankheit haben wir nun schon längere Zeit hinter uns gelassen und wollen hier unsere Erfahrungen  mit euch teilen.

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Im Mai 2007, im Alter von achtzehn Jahren, bekam ich die Diagnose.

 

Es war ein sonniger Sonntag und ich musste früh zu einem Handballturnier. Ich wachte schon mit Schmerzen auf, welche sich im Laufe des Vormittags als unerträglich erwiesen. Ich fuhr von dem Turnier nach Hause und erzählte meinem Vater und meiner Freundin davon. Anschließend fuhren wir direkt in die Notaufnahme. Nach langem Warten begann die Untersuchung mit ein paar Fragen und Ultraschall. Nachdem der Arzt dann öfters mit Kollegen hin und her telefoniert hatte, bekam ich die Diagnose: embryonales Carcinom (Hodentumor). Ich wurde umgehend operiert, wobei der betroffene Hoden entfernt sowie Gewebeproben des anderen entnommen wurden. Die anschließende Computertomographie zeigte eine 4 cm große Lymphknotenmetastase in Höhe des linken Nierenstiels.

 

Drei Wochen später begann die zytostatische Chemotherapie, welche sich in drei Zyklen aufteilte. In meinem Fall hieß das, eine Woche stationär im Krankenhaus zu verbringen, in der die Chemotherapie verabreicht wurde. Anschließend folgten drei Wochen „Erholung“ zu Hause mit je einer weiteren ambulanten Dosis Chemo pro Woche. Diese Prozedur wiederholte sich dann noch zweimal. Vor dem ersten Zyklus wurde eine Kryokonservierung von Spermien vorgenommen, um bei einer späteren Unfruchtbarkeit die Zeugung eines Kindes zu ermöglichen.

 

In den drei Monaten der Chemotherapie war nicht viel mit mir anzufangen. Meistens war ich müde und kaputt. Wenn nicht, war mir schlecht. Wenn ich an den metallischen Geschmack, den die Chemo verursachte, gedacht habe, wurde mir übel. Durch das geschwächte Immunsystem sollte ich große Menschenansammlungen meiden, was schlussendlich hieß, nicht rauszugehen und keine anderen Leute zu treffen. Das war in Hinsicht auf meine Freundschaften kontraproduktiv, die sich in meinem Fall drastisch veränderten. Ich merkte schnell, wer mich mied und wer trotz der Schwäche und Veränderung noch Interesse an mir zeigte.

 

Da ich zur Zeit der Erkrankung knapp über 18 Jahre alt war, kam ich nicht auf die Kinderstation, sondern ganz regulär auf den normalen stationären Flur. Der Altersunterschied war enorm. Der nächst ältere Herr im Krankenhaus war um die 40 Jahre, danach kamen mit Abstand folgend die 70+. Ich habe in der Zeit viel gesehen und gehört. Einiges war interessant und motivierend, anderes hätte ich mir gerne erspart.

 

Die Abschlussuntersuchung nach dem dritten Zyklus ergab (außer einer Allergie auf Kontrastmittel), dass die Metastase auf 1,4 cm geschrumpft war und vermutlich Narbengewebe darstellte.

 

Nach der Chemotherapie war ich vier Wochen auf Kur im Schwarzwald und wurde anschließend wieder in meine Ausbildung eingegliedert.

 

Alles in allem war ich ein gutes Dreivierteljahr aus meinem Alltag herausgerissen. Die Wiederherstellung meiner körperlichen Fitness brauchte dann noch etwas länger. Heute ist außer den Narben und der halbjährlichen Untersuchung nichts mehr davon zu merken. Ich denke, dass ich dies auch gerade Organisationen zu verdanken habe, welche in der Krebsforschung tätig sind. Ohne diese wären die Ärzte nicht so weit, wie sie es jetzt sind und könnten Betroffenen nicht so gut helfen, wie sie es heutzutage können.

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Ich war sechzehn und mein Interesse galt zu dieser Zeit weniger der Schule und anderer Pflichten, sondern vielmehr mir selbst und meinen Freunden, mit denen ich dank aufkommender Onlinekommunikation nahezu ständig in Verbindung stand. In diese Zeit fiel die Diagnose Rhabdomyosarkom. Eine Geschwulst an meinem Schulterblatt, die zunächst als einfaches Lipom eingeordnet worden war und sich dann erst auf dem OP-Tisch als bösartig entpuppte. Im anschließenden Gespräch drückte der Chirurg seine eigene Bestürzung aus: Wenn man in Europa Hufgetrappel auf der Straße höre, so gehe man davon aus, dass ein Pferd um die Ecke komme. Nur in den seltensten Fällen sei es ein Zebra. Ich und mein Rhabdomyosarkom waren nun offenbar das Zebra.

 

Eine erschütternde Diagnose und doch erschien es mir in meiner jugendlichen Naivität mehr wie eine willkommene Abwechslung, eine wahrhaftige Herausforderung, der ich mich mit meinen überbordenden pubertären Kräften annehmen konnte. Die Egozentrik der Pubertät verstärkte sich eher, alles in meinem Kopf drehte sich um mich. Im Rückblick war es erschreckend zu erkennen, wie wenig Raum für andere Dinge war, für die Situation meiner Familie. Gleichzeitig war das Ausblenden anderer Gefühle unabdingbar, um alle meine Kräfte auf die Bewältigung der Krankheit zu bündeln. Das Leid meiner Familie, für mich ungleich schlimmer als das eigene, konnte ich nicht zusätzlich tragen.

 

Es folgte ein Marathon an Chemotherapien, ein halbes Jahr lang, neun Blöcke, alle drei Wochen drei Tage. Parallel dazu sechs Wochen lang jeden Tag Bestrahlung in der Radiologie. Zu Beginn sprühte ich noch vor Energie und lief die Treppen im Krankenhaus rauf und runter, um Sport zu treiben. Den warnenden Blicken mancher Krankenschwester begegnete ich mit absoluter Ignoranz, um mein Selbstgefühl zu wahren. Mein zunächst unerschütterlicher Optimismus war Grundlage dafür, neben den Ärzten auch immer mir selbst zu vertrauen und auf meinen Köper zu hören.

 

Entgegen der Erwartungen konnte ich weiterhin die Schule besuchen und so weitestgehend meinen Alltag beibehalten. Dieser Alltag, der zugleich Ablenkung und Normalität war, gab mir Stabilität. Mein Freundeskreis blieb mir erhalten und im Gegensatz zu vielen anderen Betroffenen musste ich nicht zusätzlich eine Isolation von meinem sozialen Umfeld bewältigen. Meine Familie war mein größter Halt, tapfer und allgegenwärtig. Meine beste Freundin war an jedem einzelnen Tag, den ich im Krankenhaus verbrachte, da - selbst wenn ich vernebelt von der Chemotherapie stundenlang schlief. Aus dieser Unterstützung, deren Ausmaß ich sicherlich erst sehr viel später erkannte, bezog ich meine Kraft.

 

Mit Fortgang der Therapie wurde mein Körper schwächer und mein Geist weniger enthusiastisch. Mechanisch bewegte ich mich zum Krankenhaus und harrte dort, halb vor mich hin vegetierend, aus. Weder aß ich noch trank ich. Dafür malte ich mir in Gedanken das Essen aus, das es geben würde, wenn ich nach Hause kam. Dort aß ich mit gesundem Appetit, zumindest solange ich mich auf dem Stuhl halten konnte.

 

So brachte ich die Zeit in stetigen Schritten hinter mich und fuhr im Anschluss für vier Wochen in eine Kurklinik im Schwarzwald, in der sich mein körperlicher Zustand rapide verbesserte und ich mich erstmals intensiver mit anderen Betroffenen austauschen konnte.


Die folgende Zeit war auf ihre Weise ebenso schwierig: Das Notstromaggregat, aus dem ich meine Energie schöpfte, lief langsam leer und zurück blieb viel Erschöpfung, eine schleichende Reflexion der Ereignisse und die Frage nach dem Ich ohne ständige Präsenz der Krankheit. Neue Liebe, neue Freunde, neue Stadt boten dann Perspektiven und Inspiration und waren eine gesunde Ablenkung und Neuorientierung.


Heute ist diese Erfahrung nach wie vor prägender Teil meiner Identität, ist Quelle meiner Demut und Dankbarkeit wie auch meiner stillen Angst, mein Leben oder meine liebsten Menschen zu verlieren. Sie ist jedoch mehr Vergangenheit als Gegenwart und ist nur Teil eines Erfahrungsschatzes, der mit jedem Tag in dieser Welt wächst.